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Anti-Antifa-Bestrebungen in Pankow

Rechercheartikel aus der "Rosen auf den Weg gestreut" (Dezember 2007)

 

Am 2. August 2001 veranstaltete das „Antifaschistische Aktionsbündnis III“ vor dem Naziladen „Harakiri“ (damals noch in der Grellstraße 1b) eine Kundgebung. Unter den circa 50 Antifaschist_innen befand sich auch ein alternativ gekleideter junger Mann mit langen blonden Rasta-
Haaren und einer Flammenmütze. Er bewegte sich unbehelligt zwischen den Demonstrant_innen, hörte Gespräche mit und beobachtete die Redner_innen und Verteiler_innen ... bis er von einem der Anwesenden als Pankower Neonazi erkannt wurde. Dirk Müller, so sein Name, konnte
sich mit einem kurzen Sprint in ein in der Nähe geparktes Auto retten.

Müller wurde den berlinweit agierenden „Autonomen Nationalisten Berlin (ANB)“ zugeordnet. Neben ihm war vor allem der Neonazi Paul Schneider für das Dokumentieren von linken Strukturen zuständig. Als Fotograf ist er bis heute am Rande von Neonazi-Aufmärschen (und in Pankow bei IPAHB-Veranstaltungen) unterwegs. Das Label ANB, das aus dem Umfeld der (inzwischen verbotenen) „Kameradschaft Tor“ stammt, wurde schnell von Pankower Neonazis adaptiert und in die eigenen Aktionen eingebaut. ANB steht unter Aufklebern, Sprühereien, Plakaten und Transparenten, die bewusst den
Rahmen des Legalen verlassen. Neben agressiver Hetze gegen Migrant_innen und Jüd_innen wird ANB vor allem für Anti-Antifa-Aktionen benutzt.
Wenn Pankower Kameradschaften, wie die „Vereinten Nationalisten Nordost (VNNO)“ Aktionen durchführen, die für den eigenen Gruppenrahmen zu heikel sind, wird auf das Label ANB zurückgegriffen. Die Anti-Antifa-Arbeit in Pankow wird seit Jahren maßgeblich
von Andy Fischer und seinem Umfeld organisiert. Von Fischer gehen nicht nur spontane Bedrohungen und Übergriffe aus. Er betätigt sich zusätzlich als Sammler von Daten politischer Gegner_innen. Das zeigte sich 2003, als bei Hausdurchsuchungen bei den
Pankower Neonazis Martin Stelter und Andy Fischer Listen mit Namen und Adressen von vermeintlichen Linken gefunden wurden. Zu dieser Zeit fanden verschiedene gezielte Angriffe gegen vermeintliche Linke und deren Treffpunkte statt.
Als sich in Lichtenberg im August 2006 die Bezirksverordnetenversammlung konstituierte, der seitdem der ehemalige Pankower NPD-Vorsitzende Jörg Hähnel angehört, war nicht nur der NPDler Kristian Lindner aus Prenzlauer Berg - der am Rand von Naziaufmärschen mit Fotokamera unterwegs ist - im Publikum. Auf einer Bank vor dem Gebäude - also zwischen protestierenden Antifaschist_innen - saß der Niederschönhausener Neonazi Michael Weiss mit einem weiteren Pankower Kameraden. Weiss hatte auf einem NPD-Aufmarsch in Pankow am 1. April 2006 ein selbstgemachtes T-Shirt mit der Aufschrift „Anti-Antifa Pankow“ präsentiert und Fotos von Gegendemonstrant_innen angefertigt.

Seine extrovertierte Ader hatte Weiss schon früher ausgelebt. Auf den Namen seiner Mutter meldete er eine Internetseite an, auf der er sich bei Naziparties und den Hitler-Gruß zeigend in seiner Schule abbildete. Einen weitereren Akt der Anti-Antifa- Bestrebungen in Pankow stellte im Mai 2007 eine Internetseite mit dem Titel „Gegen Antifa Pankow“ dar. Der Neonazi Thomas Gräser, der die Seite auf seinen Namen anmeldete, hatte auf verschiedenen Wegen die Pankower Neonazis aufgefordert, ihm „Namen, Adressen oder Bilder von Zecken“ zu schicken. Es kam einiges zusammen,
darunter Fotos von Protestiererenden am Rande von Naziaufmärschen, aber auch Bilder der Überwachungskamera des Naziladens „Harakiri“. Ein Teil der Fotos stammte von der Seite der rassistischen Heinersdorfer Anti-Moschee- Initiative IPAHB. Der anhaltende Gegenprotest von antifaschistischer Seite hatte nicht nur zur Folge, dass auf der IPAHB-Seite ungeniert von „Linksfaschisten“ die Rede ist. Fotograf_innen der IPAHB filmten und fotografierten penetrant jeden Protest gegen die eigenen Demonstrationen. Nach einer antifaschistischen Demonstration im August 2006 veröffentlichte die IPAHB etwa 100 Fotos, darunter Portraitaufnahmen von antifaschistischen Jugendlichen auf ihrer Seite.
Die Fotosammlung - für die eigenen Anhänger_innen völlig ohne Bedeutung - ermöglichte es Neonazis, einen Überblick über die Teilnehmer_innen an antirassistischen Protesten in Pankow zu bekommen.
Gräser, seinerseits ohne Ahnung vom Metier, stellte die Fotos unsortiert auf die öffentliche Seite. Die Fotos wurden anschließend durch Hinweise der „Vereinten
Nationalisten Nordost (VNNO)“ mit Namen ergänzt. Sofort nach ihrem Bekanntwerden wurde die Seite vom Provider aus dem Internet wieder entfernt.
Auch hat der Naziladen „Harakiri“ inzwischen seine Überwachungskamera, die nicht nur das Ladenäußere, sondern auch den Gehweg bis hin zur Straße filmte, verloren. Ob die Demontage freiwillig erfolgte oder Antifaschist_innen nachhalfen, ist nicht bekannt.
Das vorerst letzte Kapitel Pankower Anti-Antifa-Arbeit verweist auf deren Kontinuität. Als im Juni diesen Jahres an verschiedenen Pankower Schulen Jugendaktionstage stattfanden, beobachtete, bedrohte und verfolgte Andy Fischer zusammen mit dem NPDler Diego Pfeiffer Schüler_innen, die er als links einordnete. An der List-Schule
fand sich anschließend der Schriftzug „ANB is watching you! Wir denken an dich ...“ ergänzt mit den Namen von zwei Personen, die die Neonazis linken Kreisen zuordnen.
Pfeiffer griff wenig später zusammen mit dem Pankower NPD-Vorsitzenden Daniel Steinbrecher nach einer Demonstration der Heinersdorfer Bürgerinitiative IPAHB eine Gruppe alternativer Jugendlicher an. Die beiden umringten am Abend des 11. Juli mit
13 weiteren Neonazis drei Jugendliche, bedrohten und verletzten sie durch Schläge und Tritte. Als im Oktober der Prozess gegen die Angreifer anstand, tauchten in Pankow Aufkleber mit neun Namen von vermeintlichen Linken auf. Die Aufkleber, die eine
vermummte Person zeigten, enthielten den Text „... wir denken an dich! ANB“. Unter den neun Personen befanden sich auch mehrere Zeug_innen, die im Prozess gegen Steinbrecher und Pfeiffer aussagen sollten. Sie wurden auf diese Weise in ihrem Wohnumfeld bedroht. Die Message ist klar: Wir wissen wer du bist und wo du wohnst. Schon die Erinnerung an vergangene Übergriffe, wie den am 11. Juli, lassen diese Aufkleber für die Betroffenen zu einer realen Bedrohung werden. Dies sah die
Polizei nicht so. Von einem sichtlich uninteressierten Polizisten mussten sich mehrere Betroffene anhören lassen, auch er denke oft an seine Frau, wo sei da die Bedrohung. Eine Anzeige wollte er nicht aufnehmen.
Selbst vor Gericht wurde das Bedrohungsszenario der Neonazis aufrecht erhalten. Im Publikum saß an allen drei Verhandlungstagen Andy Fischer, unterstützt durch Pankower aber auch Lichtenberger Neonazis, die vor dem Gericht versuchten, die Zeug_innen
und deren Unterstützer_innen zu fotografieren. Dass die Anti-Antifa-Aktionen in
Pankow bisweilen relativ konzeptlos ablaufen und viel auf Zufallstreffern und Vermutungen beruhen, zeigen Berichte von Jugendlichen, die auf offener Straße von Fischer und seinen Kameraden bedroht wurden, ohne ihnen auch nur den geringsten Anlass geboten zu haben. Auch haben die Bemühungen noch nie dazu geführt,
die Aktivitäten der Antifa in Pankow ernsthaft zurückzudrängen oder auch nur zu behindern. Gerade in der derzeitigen Situation, in der die Pankower Neonaziszene mit dem Spasseck einen ihrer wichtigsten Treffpunkte verliert und führende Aktivisten sich
mit Antifa-Gegenwehr und staatlicher Repression konfrontiert sehen, scheint die Anti-Antifa-Arbeit wieder an Intensität und Agressivität zu gewinnen.

Ob die Einschüchterungen Wirkung zeigen oder sich letztendlich gegen ihre Verfasser_innen wenden werden, hängt nicht nur von der praktischen Unterstützung für die Betroffenen ab, sondern auch von einer klaren öffentlichen Zurückweisung neonazistischen Gedankenguts, egal wo und wann es auftritt.

Deshalb: Entfernt Naziaufkleber!

Greift ein, wenn Neonazis Menschen
bedrohen! Werdet aktiv gegen rechts!
Nur ein Klima, dass Neonaziaktivitäten im Keim erstickt, kann auf lange Sicht ein wirksames Zurückdrängen der rechten Strukturen in Pankow ermöglichen!

ein Text der
Emanzipativen & Antifaschistischen Gruppe [EAG]